MARKENPROFILE 12 >> Markenmehrklang
Das Modell des Markenmehrklangs 12
Das Modell des Markenmehrklangs hat sich
seit den 1980er Jahren in der Untersuchungsreihe MarkenProfile
bewährt. Für eine Vielzahl von Marken aus unterschiedlichen
Branchen werden die (gestützte) Bekanntheit, die Markensympathie,
die Kaufbereitschaft und der Besitz bzw. die Verwendung erhoben.
Dahinter steht die Vorstellung, dass die Marke auf dem Weg zum
Kunden einen mehrstufigen Prozess durchlaufen muss: Mit Hilfe
der Kommunikation muss sie zunächst Bekanntheit erwerben
und im Bewusstsein der Konsumenten verankert werden. Auch bei
bekannten Marken bedarf es dazu immer neuer Anstöße.
Als nächstes wird eine positive Hinstimmung zu Marke und
Produkt benötigt aus Markenkennern werden Markensympathisanten.
Darauf aufbauend muss es der Marke dann gelingen, in die konkreten
Kaufüberlegungen der Konsumenten einbezogen zu werden. Je
höher die Kaufbereitschaft, desto größer ist die
Wahrscheinlichkeit, dass die Marke auch tatsächlich erworben
und verwendet wird.

Die Analyse des Markenmehrklangs dient gleichermaßen der Diagnose wie der Therapie. Erscheint der Bekanntheitsgrad zu niedrig, so kann es etwa sinnvoll sein, ihn durch breit streuende Werbung innerhalb der Zielgruppe zu steigern. Ist in der Vergangenheit der Bekanntheitsgrad gestiegen, die Markensympathie aber zurückgeblieben, so muss über den Markenkern und das Imageprofil nachgedacht werden. Lassen trotz hoher Sympathie die Kaufbereitschaft und die tatsächlichen Käufe zu wünschen übrig, so können zum Beispiel distributionspolitische Maßnahmen angezeigt sein, vielleicht auch der Wechsel zu einer mehr aktivierenden Werbung.
Die Grafik zeigt idealtypische Relationen zwischen den einzelnen Größen: Ein Teil der Markenkenner findet die Marke sympathisch, und das Sympathiepotenzial übersteigt die Gruppe der grundsätzlich Kaufbereiten, von denen wiederum ein Teil die Marke tatsächlich besitzt oder verwendet. Es sind aber auch andere Konstellationen möglich. Ist die Zahl der Markenverwender größer ist als die Zahl der Kaufbereiten oder gar größer als die Zahl der Sympathisanten, so kann man von einem dissonanten Markenmehrklang sprechen. Die Markenwahl gründet sich dann möglicherweise vor allem auf den Preis. Solche Konstellationen treten allerdings bei den in MarkenProfile 12 erhobenen Marken relativ selten auf.
Die Ausschöpfungsquoten geben Hinweise auf geeignete Maßnahmen. Mit diesen Quoten werden folgende Fragen beantwortet:
- Zu welchem Anteil sind Markenkenner zu Sympathisanten geworden?
- Wie stellt sich die Relation zwischen Kaufbereiten und Markensympathisanten dar?
- Wie sieht das Verhältnis zwischen den Kaufbereiten und den Besitzern beziehungsweise Markenverwendern aus?
Die Ausschöpfungsquoten können sowohl auf der Zeitachse für die eigene Marke analysiert, als auch mit den Benchmarks der Branche verglichen werden für die Gesamtbevölkerung oder für einzelne Verbrauchergruppen. Die Markensympathisanten bilden immer eine Teilmenge der Markenkenner. Denn wer eine Marke nicht kennt, kann ihr weder Sympathie noch Antipathie entgegenbringen. In den beiden anderen Fällen handelt es sich nicht um echte Quoten. Es kann zum Beispiel auch Kaufbereitschaft ohne Markensympathie geben, und Kunden ohne (Wieder-)Kaufbereitschaft. Das wird deutlich in der Detailanalyse der Markensituation (Grafik unten). Man bildet dafür alle kombinatorischen Möglichkeiten der vier Merkmale und erhält auf diese Weise neun überschneidungsfreie Segmente. Sie bilden gewissermaßen die Dichtezonen der Marke (Alexander Deichsel).

- Zufriedene
Kunden geben der Marke die finanzielle Basis und die
Existenzberechtigung. Sie besitzen beziehungsweise verwenden
die Marke, bringen ihr Sympathie entgegen und sind auch bereit,
sie wieder zu kaufen.
- Die potenziellen
Neukunden repräsentieren das Wachstumspotenzial
der Marke. Wer die Marke nicht nur kennt, sondern auch sympathisch
findet und zum Relevant Set der grundsätzlich in Frage
kommenden Marken zählt, braucht vielleicht nur noch einen
kleinen Anstoß, um zum Käufer zu werden. Besonders
interessant ist hier die Analyse, welche Konkurrenzmarken bisher
genutzt werden und welche Marken ebenfalls zum Relevant Set
gehören.
- Die gesättigten Kunden stellen in den meisten Fällen nur einen kleinen Teil der Kundschaft. Es handelt sich um Markenbesitzer bzw. -verwender, die nach wie vor Sympathie für die Marke äußern, aber keine weiteren Güter oder Dienste von ihr in Anspruch nehmen wollen. Das kann je nach Produktfeld unterschiedliche Ursachen und Folgen haben. So mag etwa der bereits vorhandene Versicherungsschutz einer Familie auf absehbare Zeit ausreichen. In diesem Fall erfolgen, soweit es sich um unbefristete Versicherungsverträge handelt, weiterhin Einzahlungen auf die Marke. Bei dauerhaften Gütern etwa Pkw oder Sportkleidung besteht vielleicht in einer neuen Lebenssituation oder Lebenszyklusphase kein weiterer Bedarf, und der gesättigte Kunde leistet keine weiteren Einzahlungen. In beiden Fällen kann dieser Kundentyp als Meinungsmultiplikator wichtig bleiben: Aufgrund seiner guten Erfahrungen und seiner emotionalen Bindung mag er die Marke in seinem Umfeld weiterhin empfehlen.
- Die reinen
Sympathisanten empfinden
Sympathie für die Marke, ohne sie jedoch zu kaufen. Diese
Abstinenz kann unterschiedliche Ursachen haben: Das Produkt
weist möglicherweise eine geringe Relevanz für den
eigenen Bedarf auf oder es gibt eine andere Marke, die noch
stärker präferiert wird. Nicht selten liegt der Grund
darin, dass die jeweiligen Markenprodukte für den eigenen
Geldbeutel (noch) zu teuer sind. Manchmal handelt es sich um
unerreichbare Traumobjekte für die Vielen, und nicht zuletzt
das macht sie begehrenswert für die Wenigen, die sie sich
leisten können. Die reinen Sympathisanten haben jedenfalls,
wie Alexander Deichsel bemerkt, eine nicht zu unterschätzende
Bedeutung im Bündnisgefüge der Marke. Sie stärken
das positive Vorurteil über die Marke und tragen zur Steigerung
des Markenwertes bei, obwohl sie gar keine monetären Einzahlungen
leisten.
- Dagegen sind die potenziellen Ergänzungskunden bindungslose Verwender der Marke. Sie haben monetäre Einzahlungen auf die Marke geleistet und bekunden (Wieder-) Kaufbereitschaft, bringen ihr aber keine Sympathie entgegen. Möglicherweise kaufen sie die Marke allein aus Preisgründen und würden abwandern, sobald andere Anbieter preisaggressiv in den Markt gingen. Bei jungen Marken ist zwar auch denkbar, dass sich die Sympathie erst allmählich aufbaut. In der Käuferschaft etablierter starker Marken ist der bindungslose Verwender jedoch nur gering vertreten.
- Die abwägenden
Neukunden stehen für
Wachstumsmöglichkeiten. Im
Unterschied zu den potenziellen Neukunden empfinden sie aber
bisher keine Sympathie für die Marke. Wenn diese Gruppe
quantitativ bedeutsam ist, sollte näher untersucht werden,
warum sich hier grundsätzliche Kaufbereitschaft ohne emotionale
Bindung herausgebildet hat.
- Die unzufriedenen
Kunden, sofern in nennenswerter
Quantität vorhanden, verdienen hohe Aufmerksamkeit. Sie
sind noch Besitzer oder Verwender der Marke, empfinden aber
keine Sympathie und bekunden keine (Wieder-)Kaufbereitschaft.
Vielleicht waren sie nur Zufallskäufer, vielleicht sind
sie von den Leistungen der Marke enttäuscht worden. Oder
andere Marken üben auf sie heute eine stärkere Anziehungskraft
als früher aus. Wie viele Firmen sorgsam die eingehenden
Reklamationen untersuchen, so sollten auch die unzufriedenen
Kunden gründlich analysiert werden. Ansatzpunkte der Analyse
können die Kauf- und Auswahlkriterien im jeweiligen Produktfeld
sein, Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmale, Sinus-Milieus
und demographische Faktoren.
- Die Beziehungslosen, kennen die Marke zwar, haben aber keine Erfahrungen mit ihr, bekunden keine Sympathie für sie und zählen sie auch bei zukünftigen Entscheidungen nicht zum Relevant Set. Eine größere Distanz weisen sonst nur noch die Nicht-Kenner auf.

Das Gefüge des Markenmehrklangs ist
durch produkt- und branchenspezifische Charakteristika geprägt.
Aus verschiedenen Gründen: Die Markierung von Produkten hat
für den Konsumenten nicht in allen Bereichen gleich hohe
Bedeutung. Unterschiedlich fällt auch das emotionale Involvement
aus. Es ist beispielsweise beim Auto meistens höher als bei
der Kraftfahrzeug-Versicherung. Umgekehrt ist allerdings die finanzielle
Bindungswirkung beim Kauf eines neuen Wagens stärker als
beim Abschluss der Versicherung, so dass der Schritt von der Markensympathie
zur Kaufbereitschaft beim Pkw vergleichweise lang ausfällt.
Zu berücksichtigen ist schließlich auch, dass die Kundenbeziehungen
meistens personenbezogen definiert werden (zum Beispiel bei Bekleidung,
Nahrungsmitteln), in einigen Fällen aber
auch haushaltsbezogen (Pkw, Computer). Die haushaltsbezogene Definition
kann die Zusammenhänge lockern, weil die befragten Haushaltsmitglieder
nicht zwingend mit den hoch involvierten
Hauptverwendern identisch sein müssen.

Aus der Tabelle ergibt sich zum Beispiel, dass der durchschnittliche Verbraucher 36 Pkw-Dachmarken kennt und neun von ihnen sympathisch findet. Drei Marken gehören zu seinem Relevant Set, eine besitzt er im Haushalt. Selbstverständlich haben solche Durchschnitte nur begrenzte Aussagekraft: Wenn man einzelne Zielgruppen betrachtet, schwanken die entsprechenden Werte stark um den Durchschnitt. Gehobene Zielgruppen weisen in ausnahmslos allen Märkten ein größeres Marken-Repertoire auf als der legendäre Otto Normalverbraucher, den es eigentlich nur noch als statistisches Konstrukt gibt.
Die Marke als kommunikativer Regelkreis
Wenn man die Analyse einen Schritt weitertreibt, kann man die Marke als lebendes System betrachten, als eine Art kommunikativen Regelkreis. Man löst sich damit von der Vorstellung einer eindeutigen Kausalrichtung und zieht Rückkoppelungs-Effekte mit in Betracht. Für diese systemische Sicht ist entscheidend, dass die Besitzer beziehungsweise Verwender der Marke bewusst oder unbewusst stets als Botschafter der Marke fungieren. Vom Subsystem Kundschaft (Klaus Brandmeyer) gehen auf dreifache Weise Rückkoppelungseffekte aus:

- Markenverwendung
steigert die Wahrnehmungshäufigkeit. Je
größer die Kundschaft, desto stärker ist die
Präsenz der Marke im öffentlichen oder privaten Raum.
Das gilt vor allem bei
Gütern des demonstrativen Konsums.
Wenn die Konsumenten eine
bestimmte Auto- oder Modemarke
heute mehr als früher verwenden,
taucht sie im Straßenbild
häufiger auf. Analog sind zum Beispiel Möbel-, Lebensmittel-,
Zigaretten- oder Getränkemarken in den Wohnungen von Freunden,
Bekannten und Verwandten öfter anzutreffen. Unabhängig
von Marketingmaßnahmen der Hersteller und Händler
steigt dadurch oft die
Bekanntheit der Marke.
Doch selbst wenn der Bekanntheitsgrad nicht steigt es
kann ja sein, dass ohnehin schon jeder die
Marke kennt erhöht sich
auf jeden Fall die Häufigkeit der Wahrnehmung. Die bloße
Wahrnehmungshäufigkeit kann Markensympathie erzeugen,
weil die Menschen im Allgemeinen
das mögen, was sie kennen
und schon oft gesehen haben.
Sozialpsychologische Experimente
haben vielfach gezeigt, dass bis dato unbekannte Reize von
den Menschen umso positiver beurteilt wurden, je öfter
sie wahrgenommen worden
sind. Psychologen erklären diese
Effekte der bloßen Darbietung (mere exposure)
mit der empfundenen Mühelosigkeit der Informationsverarbeitung (Arnd
Florack/Martin Scabaris),
die positive Gefühle erzeuge,
ohne dass sich der Betroffene
dessen bewusst werde.
- Kunden
wirken bewusst als Multiplikatoren. Überzeugte
Kunden empfehlen ihre Marke weiter, durch Mund-zu-Mund-Propaganda
oder auch via Mausklick
im Internet. Während Mere-Exposure-Effekte
unbewusst und beiläufig entstehen, sind in diesen Fällen
kognitive Prozesse im Spiel.
Während Mere-Exposure-Effekte
nur bei sinnlich wahrnehmbaren
Produkten auftreten können, kommunizieren die Konsumenten
auch über die Wirtschaft des Unsichtbaren (Norbert
Bolz), etwa über komplexe Dienstleistungen des Finanzsektors
und der Tourismusbranche
oder über Suchmaschinen und Websites
im Internet. Wie stark
solche Rückkoppelungseffekte ausfallen,
hängt nicht zuletzt von bestimmten Eigenschaften der Markenkundschaft
ab. Extraversion, soziale
Dominanz (vergleichbar mit der Persönlichkeitsstärke
gemäß AWA) und soziale Integration verstärken
die Feedback-Effekte. MarkenProfile
bündelt solche Eigenschaften
im Konzept der sozialen
Meinungsführerschaft. Je höher
der Anteil sozialer Meinungsführer in der Kundschaft der
Marke ist, desto höher können die Multiplikatoreffekte
ausfallen.
- Die
Kundenstruktur prägt das Image der Marke mit. Für
das Image der Marke ist
die Struktur ihrer Kundschaft von Bedeutung. Es kommt auch
darauf an, wer Markenprodukte demonstrativ konsumiert und darüber
hinaus womöglich weiterempfiehlt. Manche
Unternehmen statten Prominente
gratis mit ihren Produkten aus, um sie als Botschafter der
Marke zu gewinnen. Umgekehrt kann es der Marke, vor allem der
Luxusmarke schaden, wenn ihre Produkte über
zweifelhafte Distributionskanäle verramscht werden
und in falsche Hände geraten. Die bisherige
Kundschaft, die mit der
Marke auch Distinktion erwerben wollte, mag dies als eine sublime
Form der Enteignung (Klaus
Brandmeyer) empfinden.
Vor allem bei exklusiven Marken verdient also im Sinne eines
systematischen Marken-Monitorings die Entwicklung der Kundenstruktur
Beachtung. Ein geeignetes Maß kann
etwa die Zusammensetzung
der Kunden nach gesellschaftlich-wirtschaftlichem Status sein,
in dem sich Bildung, Beruf und Einkommen gleichermaßen
niederschlagen. Eine andere
Möglichkeit besteht darin,
die Sinus-Milieus heranzuziehen. Ästhetische Präferenzen
und Konsumstile der Gesellschaftlichen
Leitmilieus (Etablierte, Postmaterielle, Moderne Performer)
strahlen häufig auf
andere Bevölkerungsteile aus, so dass dem Kundenwachstum
in diesen Milieus strategische
Bedeutung zukommen kann.
Über steigende Bekanntheit, steigende Wahrnehmungshäufigkeit und wachsende Mund-zu-Mund-Propaganda kann sich die Markensympathie erhöhen. Dies wiederum steigert die Kaufbereitschaft und schließlich auch die tatsächlichen Käufe, die Zahl der Kunden. Damit wird der Kreislauf erneut in Gang gesetzt. Es handelt sich, wenn alles gut läuft, um einen sich selbst verstärkenden Prozess mit positivem Feedback. Aber selbstverständlich sind auch negative Rückkoppelungen möglich, durch die eine Marke in eine Abwärtsspirale geraten kann.